30 Jahre TTC '73 Oberderdingen

1973 - 2003: man mag es drehen und wenden wie man will und sich vielleicht innerlich auch dagegen sträuben: Fakt ist, dass einer der jüngsten Oberderdinger Vereine nun auch schon seit mehr als dreißig Jahren besteht!
Kann es wirklich sein, dass die Ereignisse, die uns noch relativ frisch im Gedächtnis sind, schon so lange zurückliegen? - Erinnern wir uns: Der Watergate-Skandal belastete in den USA die Regierung Nixon; in der Bundesrepublik löste Helmut Kohl Rainer Barzel als Parteivorsitzender ab, und die weltweite Ölkrise führte zum Erlass des Sonntag-Fahrverbots. Im Zuge der Kreisreform schlossen sich Flehingen und Großvillars mit Oberderdingen zu einer Gemeinde zusammen. In Flehingen wurde die Schlossgartenhalle erbaut, während man sich in Oberderdingen gegen den Bau der Schnellbahnstrasse Mannheim-Stuttgart der Deutschen Bundesbahn zu Wehr setzte.
Joschka Fischer feierte gerade seinen 25. Geburtstag, als sich an jenem denkwürdigen Donnerstagabend des 12. April 1973 im Oberderdinger Gasthaus "Adler" 22 Personen trafen, um den TTC '73 aus der Taufe zu heben. Wohl keiner der damals Anwesenden konnte ahnen, welch rasante Entwicklung dieser Verein in kurzer Zeit nehmen würde.
Der erste Abschnitt war geprägt von der üblichen Euphorie, wie sie vermutlich jeder Verein kurz nach seiner Gründung erlebt. Diese Euphorie zu begründen und aufrecht zu erhalten war nicht zuletzt das Verdienst unseres bis heute unvergessenen, leider viel zu früh verstorbenen, Dietmar Kärgel, dem ersten 1. Vorsitzenden und eigentlichen Initiator der Vereinsgründung. Er, mit seiner langjährigen Tischtennis-Erfahrung, seinem Organisationstalent und seiner Fähigkeit, andere zu begeistern, verstand es wie kein anderer, seine Vereinskameraden zu motivieren und sie für die Belange des Vereins einzusetzen. So konnte man schon in den ersten Monaten nach Gründung des Vereins einige erfolgreiche Tanzveranstaltungen durchführen, die ein gewisses, wenn auch bescheidenes Startkapital einbrachten. Gleichzeitig veranstaltete man die ersten Jedermann-Turniere zur Gewinnung von Mitgliedern sowie Tur-niere für Aktive, die schon bald den Bekanntheitsgrad des TTC '73 steigerten. Immerhin konnte man bereits im April 1974 mit einem bundesoffenen Turnier in der Flehinger Schlossgartenhalle aufwarten. Dietmar Kärgel selbst trug ein übriges dazu bei, indem er die blau-gelben Vereinsfarben buchstäblich in alle Lande trug: Turnierfahrten nach Saarbrücken, Konstanz oder gar Bad Oldesloe zeugten geradezu von einer "Tischtennis-Besessenheit", die sich aber auf zahlreiche Vereinsmitglieder positiv übertrug.
Diese Begeisterung erhielt allerdings zwischendurch immer wieder einen Dämpfer durch die völlig unzulänglichen Trainingsmöglichkeiten, mit denen sich die Freunde des kleinen weißen Celluloidballes konfrontiert sahen. Der erste Raum, der dem Ver-ein von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde, umfasste lediglich rund 70 qm bei einer Höhe von 3 m - gerade einmal ausreichend, um für den Trainingsbetrieb zwei Tische zu stellen - für Punktespiele schon damals eigentlich unzulässig. An die-sen beiden Tischen tummelten sich oftmals fünfzehn und mehr Trainingswillige auf einem glitschigen Steinboden. Nach dem Training wurden die Tische abgebaut und in der -durch eine Bretterwand abgetrennte- Toilette aufbewahrt, die so bemessen war, dass links und rechts des Sitzes mit etwas Mühe jeweils eine Platte einge-zwängt werden konnte. Ansonsten war die "Toilette" als solche eigentlich unbrauch-bar: "kleine Geschäfte" wurden zumeist auf der angrenzenden Rasenfläche rund um das Schulhaus verrichtet, für "größere Geschäfte" wurden Gästespieler in der Regel kurzerhand in das 200m entfernt gelegene Gasthaus "Adler" verwiesen.
Auch die Tatsache, dass am Freitagabend hin und wieder der Gymnastiksaal zur Verfügung stand, änderte an den miserablen Bedingungen nur wenig. Besser wurde es erst, als der SV Oberderdingen seine eigene Halle erbaut hatte und die Gemeinde die Turnhalle bei der heutigen Strombergschule zu Verfügung stellte. Allerdings war auch sie für Verbandsspiele kaum zu nutzen, denn diese wurden zu jener Zeit fast ausnahmslos sonntagmorgens ausgetragen, wenn der Hausmeister dienstfrei hatte. Aber auch wenn es gelang, ein Punktespiel auf Freitagabend zu verlegen, war die Durchführung damit noch nicht gesichert: mehr als einmal musste eine Begegnung um Punkt 22.00 Uhr abgebrochen werden.
Das Raumproblem zehrte schon ziemlich an den Nerven, weshalb die Besetzung der Vorstandschaft in den ersten Jahren häufiger wechselte. Es kann deshalb nicht verwundern, dass bei einer immer größer werdenden Zahl von Mitgliedern der Wunsch nach Unabhängigkeit, d.h. nach einem eigenen Spiellokal reifte. In der außerordentli-chen Generalversammlung vom 8. Oktober 1976 war es dann soweit: nachdem man zuvor schon grundsätzliche Einigung über den Ankauf des alten SVO-Sporthäuschens erzielen konnte, fassten die Mitglieder mit 27 Ja-Stimmen bei lediglich 2 Enthaltungen den Beschluss, eine eigene Trainingshalle an dieses Gebäude anzubauen. Dabei betrug das Eigenkapital des Vereins gerade einmal etwas mehr als 4.000 DM, während sich der Kostenanschlag für die geplante Investition auf fast 110.000 DM belief! Man vertraute jedoch auf die Finanzierung durch den Gaststättenbetrieb und nicht zuletzt auch auf die unbedingte Einsatzbereitschaft der Mitglieder.
Dieses Stichwort aufgreifend, müssen in diesem Zusammenhang zwei Personen namentlich erwähnt werden, die in den nächsten Jahren die Geschicke des Vereins maßgeblich lenkten und förderten. Zum einen ist der Name Rudi Scharpf zu nennen, der sich in jener außerordentlichen Generalversammlung vom 8. Oktober zum neuen 1. Vorsitzenden wählen ließ und dieses Amt bis 1991 mit großem Einsatz be-kleidete. Sein Hauptaugenmerk galt immer wieder der Führung der Vereinsgaststätte und der Betreuung der Jugend.
Während sich seine Leistungen im Wesentlichen auf das Organisatorische bzw. die Aufrechterhaltung des Gaststätten- und Spielbetriebs beschränkten, tat sich ein zweiter Mann hervor, dessen Verdienste für den TTC '73 von grundlegender existenzieller Bedeutung waren und noch heute sind. Die Rede ist von Helmut Niedermann, der im Verlauf seiner mittlerweile gut 25-jährigen Vereinszugehörigkeit Unvergleichliches und Unvorstellbares leistete. Er kam gerade recht, nachdem -wie oben bereits ausgeführt- die Generalversammlung ein halbes Jahr zuvor den Bau einer eigenen Spielhalle beschlossen hatte. Es ist heute sicherlich müßig, darüber zu spekulieren, ob der TTC '73 sich ohne seinen Arbeitseinsatz nicht finanziell übernommen hätte und sich bereits fünf Jahre nach seiner Gründung zwangsweise hätte auflösen müs-sen. Tatsache ist, dass Helmut Niedermann in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten mehrere tausend Arbeitsstunden oder mehrere Arbeitsjahre unentgeltlich für den Verein erbracht hat. Mit seiner weitreichenden Sachkenntnis, seinem unermüdlichen Arbeitseifer, seinem Organisations- und Improvisationstalent, seiner pädagogisch ausgereiften Menschenführung, gepaart mit der ihm eigenen stoischen Gelassenheit und seinem oft auch derben Humor, wurde er zum Vorbild. Was allein zu bewältigen war und ist, das erledigt er noch heute am liebsten allein. Seit 1979 bringt er seine Ratschläge und Ideen als "Vize"(-Vorstand) in die Ausschussarbeit ein, wobei es ihm in seiner ganzen Bescheidenheit widerstrebt, sich in den Vordergrund zu rücken. An-lässlich der 25-Jahrfeier am 18.04.1998 erhielt Helmut Niedermann die goldene Ehrennadel des Vereins; in der Generalversammlung am 03.05.2002 wurde er zum ersten Ehrenmitglied des Vereins ernannt.
Mit dem Hallenbau wurde der Grundstein gelegt für eine weitere sportliche Aufwärts-bewegung des Vereins. Waren es in der Saison 1976/77 noch 5 Mannschaften, die an der Verbandsspielrunde teilnahmen, so wuchs diese Zahl in der Runde 1979/80 auf 10 an. Mit 17 Mannschaften in der Saison 1990/91 wurde ein vorläufiger Höhe-punkt in der Vereinsgeschichte erreicht - diese Zahl bedeutete seinerzeit auch Mit-Rekord im Bezirk Ludwigsburg. Und einmalig im Bezirk bis auf den heutigen Tag ist die eigene Halle mit der Vereinsgaststätte. Hierauf darf der Verein sicherlich stolz sein!
Wer allerdings aus diesen Errungenschaften ein sorgenfreies Vereinsleben ableiten wollte, musste sich eines Besseren belehren lassen. Die Halle war regelmäßig zu reinigen und zu unterhalten; die Gaststätte musste einen Gewinn abwerfen, der zu-mindest die Zinslast trug und eine geringe Schuldentilgung ermöglichte. Etwa fünf Jahre lang quälte man sich mit vereinsinternem Aushilfspersonal durch, ehe 1983 das Ehepaar Kordatzki die Wirtschaft übernahm - allerdings nur auf Provisionsbasis und auch nicht die ganze Woche über. So blieben auch weiterhin zahlreiche Arbeitsstunden an den Vereinsmitgliedern hängen, vornehmlich an den beiden Vorsitzenden oder auch an Ausschussmitglied Martin Scherer. Die Preise waren -selbst für ein Vereinslokal- am untersten Level kalkuliert, so dass man gerade noch über die Run-den kam. Fast regelmäßig war dabei die Rückvergütung der Brauerei aufgrund des erfreulich hohen Bierkonsums höher als die regulär erwirtschafteten Gewinne. Das Ganze spielte sich ab vor dem Hintergrund kaum noch zeitgemäßer und zumutbarer räumlicher Verhältnisse: die Küche war eigentlich von Beginn an zu klein, der Wirtschaftskontrolldienst beispielsweise forderte einen separaten Sozialraum, für Damen und Herren war nur ein Duschraum vorhanden, und die sanitären Anlagen stanken buchstäblich zum Himmel!
Im Jahre 1992 entschloss man sich daher schließlich zum Totalumbau des alten SVO-Sporthäuschens, der 1993 begonnen wurde und im Frühjahr 1994 mit knapp 128.000 DM abgerechnet werden konnte. Auch diese Maßnahme war nur durch ein außergewöhnliches Maß an Eigenleistungen finanzierbar, und wiederum war es Helmut Niedermann, der von den mehr als 3.000 Arbeitsstunden gut die Hälfte auf seinem Konto stehen hatte. Jetzt mussten wirklich sämtliche Einnahmequellen aktiviert werden, zumal im Juni/Juli 1996 die komplette Dacheindeckung des Vereinsheims weitere Kosten verursachte. – Diese Eindeckung hielt im Übrigen gerade einmal dreieinhalb Jahre, ehe der Orkan „Lothar“ am 2. Weihnachtsfeiertag das Hallen-dach wieder vollständig abdeckte. Die jüngste, größere Investition stand im Herbst 2003 an, als man einen Hallenanbau tätigte, um darin die TT-Platten, insbesondere aber die im Jahr zuvor angeschafften Tische und Stühle unterbringen zu können.
Nachdem der Mitgliedsbeitrag im Hinblick auf den Umbau bereits im Jahre 1993 um 100% auf 96,-- DM angehoben worden war, bemühte sich die Vorstandschaft in den nächsten Jahren ständig um weitere Einnahmequellen, beispielsweise um die Ausrichtung aller möglichen Turniere und Ranglisten, die vom Bezirk Ludwigsburg ausgeschrieben waren . 1995 nahm der Verein erstmals das Angebot der Gemeinde für eine Altpapiersammlung an; im Juni 2000 beteiligte sich der TTC ’73 dann auch am ersten Marktplatzfest der Gemeinde. Vor allem auch die durchgeführten Plakatwer-beaktionen halfen dem Verein über die Runden.
Und dennoch: auch die Gaststätte musste verpachtet werden, um regelmäßige Mieteinnahmen zu bekommen - die "Ära Kordatzki" ging nach über 10 Jahren zu Ende. Trotz absolut niedriger Pachtpreisforderungen hatte man mit den Pächtern -zunächst zumindest- wenig Glück: die "Fischtaverne" wurde von der Pizzeria "Pulcinella"abgelöst; nach dem kurzen Gastspiel einer deutschen Pächterin führten Rosi und Theo für ein knappes Jahr die Gaststätte. Von August 1997 bis zum Sommer 1999 übernahmen Renata und Vlado deren Nachfolge. Einen wahren Glücksgriff tat die Vereinsführung dann im Juli 1999, als man das Ehepaar Zlata und Niko Schmidt als Pächter gewinnen konnte. Dank ihres außergewöhnlichen Engagements ist das "Vesperstüble" längst zum Inbegriff für gutes und preiswertes Essen und Trinken auch über die Ortsgrenzen von Oberderdingen hinaus geworden.
Die sportliche Aufwärtsentwicklung des Vereins, hervorgerufen in erster Linie durch die neue, vereinseigene Halle mit ihren fast unbegrenzten Trainingsmöglichkeiten, wurde bereits angesprochen. Tatsächlich setzte Ende der 70-er Jahre ein Run ein, der dem Verein zahlreiche neue Mitglieder bescherte, vor allem auch Jugendliche und Schüler. Der TTC '73 wurde zum Begriff, zumindest auf Bezirksebene, der Nachwuchs konnte beachtliche Erfolge erzielen. Aber auch die Herren machten all-mählich auf sich aufmerksam. So schaffte die 1. Herrenmannschaft innerhalb von nur 5 Jahren den Aufstieg von der B-Klasse in die drei Klassen höhere Bezirksklasse, in der sie 21 Jahre lang ununterbrochen spielte, um dann endlich in der Saison 2003/04 in die Bezirksliga aufzusteigen, wo man personell verstärkt- auf Anhieb "Herbstmeister" werden konnte. Die zweite Herrenmannschaft etablierte sich für längere Zeit in der Kreisliga und erreichte 1995 sogar sensationell den Aufstieg in die Bezirks-klasse, aus der man allerdings zwei Jahre später wieder absteigen musste. Speziell bei der dritten Herrenmannschaft 2002 in der A-Klasse noch auf einem Abstiegsplatz stehend- zeigen sich in jüngster Vergangenheit immer mehr die Früchte einer erfolgreichen Jugendarbeit: das Team belegte zum Ende des Jahres 2003 einen guten Mittelplatz in der Kreisliga. Einen ähnlichen Aufschwung erlangte auch die Vierte: in der Saison 1997/98 noch in der D-Klasse vertreten, erklomm die Mannschaft zum Jahresende 2003 die Tabellenführung in der B-Klasse. Die Damen mischen seit Jahren mit wechselnden Erfolgen- in der Bezirksklasse mit.
Unter der Voraussetzung, dass der Gaststättenbetrieb unter Führung der jetzigen Pächter so weiterläuft, kann die Verschuldung langsam aber stetig zurückgefahren werden, womit dem Verein eine große Sorge genommen wäre. Die sportliche Situation bietet wie gerade angedeutet- derzeit durchaus Grund zum Optimismus, zumal beim TTC '73 kein Spieler finanzielle Zuwendungen für seine Verbandsspieleinsätze erhält und der am äußersten Rande des TT-Bezirks Ludwigsburg gelegene Verein auch kaum einmal einen Spielerwechsel zu verzeichnen hat.
Wir haben in den letzten 30 Jahren einiges geschaffen, auf das wir mit Recht stolz sein können. Doch wäre es mit Sicherheit fatal, uns auf diesen Lorbeeren ausruhen zu wollen. Vielmehr muss das Vereinsleben immer wieder neu aktiviert werden: Die Mitglieder müssen motiviert bleiben, die Vorstandschaft hat dabei die Aufgabe, ständig neue Akzente zu setzen und Ziele zu definieren oder auch früherer Veranstaltungen zu gedenken, die den Verein zusammengehalten und ihn auch nach außen immer wieder in ein positives Licht gerückt haben.
Wer sich hin und wieder die Vergangenheit ins Bewusstsein ruft, wird sicherlich auch maßvoll die Weichen für die Zukunft stellen können. Vor allem unter diesem Gesichtspunkt soll diese Chronik gelesen und verstanden werden.

(W. Link)